Presseaussendungen

Note Nr. 166
9. November 2001

ANSPRACHE DES GENERALSEKRETÄRS DER VEREINTEN NATIONEN, KOFI A. ANNAN VOR DER GENERALVERSAMMLUNG ÜBER DEN DIALOG ZWISCHEN DEN ZIVILISATIONEN

NEW YORK, 9. NOVEMBER 2001

Herr Präsident,
Exzellenzen,
Meine Damen und Herren,

Es ist für mich eine besondere Freude, der Generalversammlung über die Debatte eines Themas, das für die Vereinten Nationen eine besondere moralische und politische Wichtigkeit aufweist, beizuwohnen. Wenn es jemals einen Zweifel an der Notwendigkeit für einen Dialog zwischen den Zivilisationen gab, lassen Sie uns nicht länger zweifeln. Der 11. September hat die Notwendigkeit eines solchen Dialoges absolut klar gemacht. Deshalb kann unsere Antwort, die Antwort der Vereinten Nationen nur sein, die Nationen, Kulturen und Zivilisationen einander mit Hilfe des Dialoges und der Kooperation noch näher zu bringen. Im Laufe der Geschichte sind Zivilisationen durch den Dialog und Austausch gewachsen und aufgeblüht, indem sie von anderen Kulturen gelernt haben und so neue Inspiration bekommen haben, um nach Wissen und Verständnis zu streben.

Der Dialog zwischen den Zivilisationen ist ein zentraler Eckpfeiler der weltweiten Antwort auf Konflike und Gewalt jeder Art, ganz besonders, wenn diese auf Bigotterie und Intoleranz basieren. Im Rahmen des Dialoges, der in allen Teilen der Welt stattfindet, wird einem Aufruf zum Krieg mit einem Aufruf für Toleranz entgegnet werden; Hass wird mit Toleranz begegnet. Der Gewalt wird eine Konfliktlösung entgegengesetzt. Ein Dialog zwischen den Zivilisationen ist die beste Antwort der Menschheit gegenüber ihren schlimmsten Feinden.

Ich möchte dem iranischen Präsidenten Khatami meine Hochachtung für die Initiative zum Dialog zwischen den Zivilisationen aussprechen, und allen Führern und Regierungen danken, die den Dialog das ganze Jahr lang gepflegt haben. Dadurch haben sie nicht nur ein entscheidendes Mittel der Verständigung vorangetrieben, sondern auch den wichtigsten Zielen der Vereinten Nationen gedient. Im Laufe dieses Jahres hat der Dialog zwischen den Zivilisationen bei akadmischen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen, und wo immer Menschen nach einer Gemeinsamkeit gesucht haben, weites Interesse erzeugt.

Von Österreich bis Costa Rica, von Ägypten bis Mali und Korea sowie in vielen anderen Ländern haben sich sowohl Regierungen als auch Bevölkerung Organsiationen der Vereinten Nationen angeschlossen, um den Dialog voranzutreiben und die Nachricht jeder Kultur und jedem Kontinent zu überbringen. Ein ganz besonderer Beitrag wurde von der Gruppe der bedeutenden Persönlichkeiten geleistet, und ich möchte ihnen für ihre humanitäre Leistung und Unterstützung der Vereinten Nationen danken.

Herr Präsident,

Der Dialog zwischen den Zivilisationen basiert nicht auf der Voraussetzung, dass wir als Menschheit alle gleich sind oder immer übereinstimmen, sondern eher auf der Würdigung der Tatsache, dass wir eine Vielfalt von Kulturen sind und dass unser Glaube diese Vielfalt reflektiert. Die Idee, dass es nur ein Volk gibt, das die Wahrheit besitzt, oder eine einzige Antwort auf die Krankheiten der Welt oder eine einzige Lösung der Befriedigung der Bedürfnisse der Menschheit, hat uns im Laufe unserer Geschichte immens geschadet. Wir brauchen nicht einmal über die Zusammensetzung dieser grossartigen Versammlung hinauszuschauen, um zu wissen, dass es viele verschiedene Lebensarten, Glaubensrichtungen und Kulturen gibt. Dies ist eine unverkennbare, unwiderlegbare Tatsache des Lebens.

Wenn die Verschiedenheit der Indentitäten unterdrückt wird, wenn Lebensweisen untersagt werden und wenn die Freiheit, so zu leben wie man es möchte, bedroht wird, sind Konflikt, Gewalt und Leiden unvermeidbar.

Der Dialog zwischen den Zivilisationen ist in diesem Zusammenhang ein Ausdruck der Hoffnung, jedoch bleibt er eine Reflektion der Welt, so wie sie ist. Verschiedenheit ist die Basis des Dialoges zwischen Zivilisationen und der Realität, die diesen Dialog notwendig macht. Wir begreifen deutlicher denn je, dass wir - bei aller Verschiedenheit - menschlich sind, und dass wir den Respekt und die Würde verdienen, die unserer gemeinsamen Menschheit entgegengebracht werden muss.

Wir erkennen, dass wir das Ergebnis vieler Kulturen und Überlieferungen sind, dass Toleranz uns erlaubt, andere Kulturen zu studieren und von ihnen zu lernen, dass unsere Stärke darin liegt, das Vertraute mit dem Fremden zu verbinden und dass diejenigen, die Verschiedenheit als eine Bedrohung empfinden, sich selbst und ihrer Gesellschaft das Beste der Menschlichkeit vorenthalten. Wir alle haben das Recht, auf unseren besonderen Glauben und Abstammung stolz zu sein. Jedoch ist die Ansicht, dass das was uns gehört, notwendigerweise in Konflikt mit dem Besitz der anderen steht, falsch und gefährlich. Im Gegensatz zu dem, was manche meinen, können wir lieben was wir sind, ohne zu hassen was wir nicht sind.

Natürlich stehen oft profunde und sehr wichtige Themen der Selbstbestimmung, Sicherheit und Würde der Beziehungen zwischen den Völkern auf dem Spiel.

Worte alleine werden das nicht lösen. Aber ein Dialog der Worte und Taten, der gegenseitiges Handeln auf der Basis von Respekt und echtem Verständnis der Sorgen der anderen Seite beinhaltet, kann Dispute lösen und gewaltsame Konflikte vermeiden.

Ich sage damit nicht, dass der Dialog einfach werden wird, jedoch müssen wir uns erlauben, den Schwierigkeiten ins Auge zu sehen, die uns davon abschrecken, den Dialog weiter zu pflegen. Ich bin überzeugt, dass er eine wichtige Veränderung im Leben des einfachen Mannes und der Frau auf der ganzen Welt mit sich bringen kann.

Und dies ist letztendlich das Mass, an dem der Dialog gemessen wird, und damit die Möglichkeit, Leiden zu lindern und die grundlegenden Menschenrechte der zukünftigen Generationen zu schützen.

Herr Präsident,
Exzellenzen,

Sinn und Zweck des Dialogs zwischen Zivilisationen, gehen weit über die Herausforderungen, denen wir uns heute stellen, hinaus. Solch ein Dialog hat in der Geschichte das Verständnis und den Kompromiss gefördert und kann das noch besser in einer Welt, die noch kleiner und verbundener ist. Der Dialog kann jede Friedensbemühung unterstützen und tragen, und kann versuchen, Konflikte zwischen und innerhalb von Nationen zu lösen.

Ich hoffe, dass alle Nationen in den nächsten Monaten und Jahren diesem Dialog beitreten werden und ihn dadurch wirklich wertvoll werden lassen, indem sie ihn im Dienste der Schwächsten und Verletzbarsten unserer Welt, nämlich den Opfern von Intoleranz und Hass, nutzen. Ihnen zuliebe muss der Dialog zwischen den Zivilisationen erfogreich sein.

DANKE.

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