Presseaussendungen

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UNIS/SGSM/852
31. Jänner 2018

 UNO-Generalsekretär António Guterres:

Bemerkungen zum Internationalen Tag  des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

31. Jänner 2018

Zu Beginn möchte ich die Anwesenheit von Holocaust-Überlebenden würdigen.

Wir danken Ihnen dafür, dass sie über Jahrzehnte Zeugnis gegeben haben.

Ich möchte auch Richter Thomas Buergenthal, einem Überlebenden der Ghettos und Todeslager, meinen  Dank aussprechen, der sich später bei den Vereinten Nationen auf dem Gebiet des Völkerrechts hohe Anerkennung erwarb.

Ich danke auch Frau Eva Lavi, der jüngsten Überlebenden auf Schindlers Liste, die aus Israel angereist ist, um heute bei uns zu sein.

Gestatten Sie mir eine kurze persönlich Reflexion.

Ich wusste seit langem, dass die Philosophin Hannah Arendt während ihrer Flucht vor den Nazis auf dem Weg in die Vereinigten Staaten von Jänner bis Mai 1941 in Portugal lebte.

Aber ich habe erst jetzt erfahren, dass sie in einem Haus in der selben Straße wohnte, wo meine verstorbene erste Frau lebte, bevor wir heirateten.

Natürlich habe ich viel Zeit in dieser Nachbarschaft verbracht.

Und deshalb bin ich sehr bewegt bei dem Gedanken, dass sich mein Leben, auf gewisse Weise, mit jemanden überschneidet, deren Arbeit gegen Tyrannei und das Böse einen enormen Einfluss auf mein eigenes politisches Denken hatte. 

Als Premierminister von Portugal und nun als Generalsekretär wusste ich, dass es meine Aufgabe ist, alles mögliche zu tun, um Antisemitismus und allen Formen der Diskriminierung zu begegnen.

Vor 85 Jahren wurde Adolf Hitler Reichskanzler.

Vor vier Tagen gedachten wir dem 73. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.

Der gigantische Horror dieser 12 Jahre, von 1933 bis 1945, hallt bis zum heutigen Tag.

Der jährliche Gedenktag dreht sich um die Vergangenheit, aber auch um die Zukunft; Es geht um Juden aber auch alle anderen, die zu Sündenböcken gemacht und geschmäht wurden, nur weil sie sind, wie sie sind. 

Heute haben wir zwei wesentliche Pflichten.

Erstens, dem Holocaust und seinen Opfern gedenken.

Zweitens, aufmerksam gegenüber dem Hass heutzutage zu sein.

Genozid passiert nicht im Vakuum.

Der Holocaust war der Höhepunkt der Feindseligkeiten gegenüber Juden quer durch das Millennium.

Es war geplant - eine systematische Vernichtungskampagne. 

Und wurde durch Pseudowissenschaft und Propaganda unterstützt, die Millionen Gehirne vergiftete.

Schritt für Schritt brach die soziale Ordnung zusammen. Eine Gesellschaft, bewundert für ihre Höhen kultureller Errungenschaften, verlor ihre Verankerung und Moral.

Die internationale Ordnung zerbröckelte ebenfalls. Gesellschaften, die durch den Ersten Weltkrieg zerbrachen, versäumten, die Scherben aufzusammeln. Der Völkerbund war nicht nachhaltig. Grenzen waren für die Aggressionen zu schwach.  

Und dann, die absolute Tragödie - von den Nazi-Todeslagern und Gaskammern im deutsch besetzten Polen bis zu den Schlachtfeldern weiter im Osten, heute als "Holocaust by bullets" bekannt.

Wir dürfen diese Tatsachen niemals vergessen.

Wir dürfen niemals aus den Augen verlieren, was falsch gelaufen ist.

Und nachdem Hass und Verachtung auf Menschen in unserer Zeit um sich greifen, müssen wir uns jeden Tag und überall gegen Fremdenfeindlichkeit erheben.

Auf der ganzen Welt ist der Hass groß.

Anti-Hass-Organisationen verfolgen Hunderte pro-Nazi Gruppen und weiße rassistische Gruppen.  

Jahrzehnte nach dem Holocaust sind Nazi-Symbole und Slogans erschreckend präsent.

*  Erst letzte Woche wurde der Name einer politischen Neonazi-Partei auf ein Holocaust-Mahnmal gesprayt.

*  Vor zwei Monaten marschierten 60.000 Menschen in einer Hauptstadt mit schwingenden Fahnen mit der Aufschrift "Weißes Europa" und "Sauberes Blut". 

*  Und kürzlich noch ein Marsch Rechtsextremer - von den Teilnehmern als "Revolte gegen die Verräter" bezeichnet - nahe einer Synagoge an Jom Kippur, dem heiligsten Tag im jüdischen Kalender. 

*  Im vergangenen Jahr versammelten sich in einem Land Neonazis, um dem Geburtstag Adolf Hitlers zu gedenken - und in einem anderen, um den 30. Todestag eines seiner führenden Mitarbeiter, Rudolf Heß, zu begehen.

*  Nur sieben Autostunden von dieser Stadt entfernt sahen wir Marschierer mit Hitlergruß, die "Blut und Erde" sangen.

*  Ein Nazi-Sympathisant sagte, sein Traum wäre ein Europa im Jahr 2050, und ich zitiere : « …wo auf den Banknoten Adolf Hitler abgebildet ist…". In seiner verdrehten Logik sagte er auch, dass "Hitler wie Napoleon gesehen wird, wie Alexander, nicht wie ein verrücktes Monster, der in seiner Gattung einzigartig ist - nein, er wird als großer europäischer Führer gesehen werden."

Das ist ungeheuerlich. Aber dieses Denken gibt es da draußen.

Wir sehen auch Bemühungen, den Holocaust zu mindern, oder zu verleugnen, oder die Mitschuld der Kollaborateure oder Täter zu verharmlosen.

*  Ein bekannter Nationalist beschrieb ein Holocaust-Mahnmal als ein "Monument der Schande" und versprach, die "Geschichtsbücher über die Nazizeit umzuschreiben".

*  Pläne für die Errichtung einer Statue für einen Regierungsminister, der in die Judenverfolgung involviert war, wurde erst nach lokalen und internationalen Aufschreien verworfen.

*  Ein führender Politiker schien einen Wendepunkt im nationalen Konsens für die Akkzeptanz der Verantwortung für die Beteiligung des Landes an der Deportation von Juden in Frage zu stellen.

Und die ganze Zeit versuchen Neonazis und andere Gruppen offensiv mehr Anhänger anzuziehen.

* Der Anti-Defamations-Liga zufolge gibt es einen starken Anstieg bei den Rekrutierungsbemühungen der weißen Übermacht auf Colleage Camps - auch durch gezielte Hasskampagnen gegen Juden, aber auch gegen Muslime und andere.

*  Einige nationale Armeen mussten ihre Bemühungen für das Fernhalten von Neonazis und das Verbreiten ihrer Botschaften durch alle Ränge verstärken.

*  Im Internet haben wir das neueste Instrument für die Verbreitung von Botschaften von Neonazis, weißen Rassisten und anderen Extremistengruppen gesehen.

*  Das Souther Poverty Law Centre hat eine Neonazi-Webseite als "Mordkapitel des Internet" beschrieben, wegen der hohen Zahl an Tötungen, die einigen der registrierten User zuzuschreiben sind.

*  Eine jüngste Studie zeigte, dass die Zahl der Anhänger und Gruppierungen weißer Rassisten seit 2012 um 600 Prozent gestiegen ist. 

*  Die leichte Verwendung des Web erlaubt Randgruppen, eine übergroße Visibilität zu erlangen.

*  Die Anonymität des Web lässt dem Rassismus freien Lauf.

*  Und böswillige automatisierte Social-Media-Accounts - bekannt  als "Bots" - verbreiten dieses Übel weiter.

Glücklicherweise haben einige Technologie- und Social Media-Unternehmen begonnen, aktiver ihre Plattformen zu kontrollieren und Seiten zu schließen oder Einzelne, die zu Hass und Gewalt aufstacheln, zu blockieren, aber diese Bemühungen müssen noch intensiviert werden.

Unsere gemeinsame Herausforderung ist zu gewährleisten, dass technische Fortschritte eine gute Kraft sind.

Wenig überraschend, haben all diese Dinge eine Auswirkung.

Antisemitische Zwischenfälle nehmen zu. In zwei Ländern mit großen jüdischen Gemeinschaften stiegen sie 2017 um 60 bzw. 30 Prozent.

Dabei sagte der frühere Oberrabbiner des Vereinigten Königreichs, Lord Jonathan Sacks einst:   

 "Der Hass, der mit Juden beginnt, endet nie mit Juden".

Tatsächlich sehen wir heute einen starken Anstieg bei anderen Formen von Vorurteilen.

Hass gegen Muslime führt zu Diskriminierung, Bedrohung und Übergriffen.

Hass trifft auch Migranten und Flüchtlinge - einschließlich Kinder.

Und bisweilen hören wir Dinge über gewisse Minderheiten - über ihre Praktiken Traditionen, heiligen Schiften - die niemals toleriert werden würden, wenn sie über Mehrheiten, oder über andere Minderheiten gesagt würden.

Es sollte keine Hierarchien des Hasses geben; alle Menschen verdienen Respekt, Schutz und Gleichheit vor dem Gesetz. Und wir alle haben die Pflicht, dieses Recht anzuerkennen - und es zu verteidigen.

Neonazis und ihre Unterstützer tun andere Dinge, die Grund zur Sorge bereiten.  

Sie versuchen eifrig, sich selbst umzufirmieren - sich ein freundlicheres und sanfteres Image zu verpassen, um größere Attraktivität zu gewinnen.

Sie wollen weniger roh erscheinen, um gefährlicher zu sein.

Ihr Ziel ist klar: wie ein Nazi-Fürsprecher sagte, "wir müssen den Mainstream zu uns kommen lassen".

Sie versuchen, sich an andere ganz rechts anzugleichen, um die Grenzen einer vertretbaren Konversation weiter und weiter zu treiben. 

Durch die Logik des Eindringens versuchen sie deren Slogans, Symbole und Ideen zu infiltrieren, hin zu Mainstream-Bewegungen und -Parteien.

Manchmal nehmen sie die Taktik der Hundepfeierl an, verwenden Wörter und Phrasen, die für den durchschnittlichen Zuhörer mild klingen, aber verschlüsselter Hass sind.

Und sie sind erfolgreich. Hier ist eine Symbiose im Gang.

Manche Parteien, die Stimmen brauchen, begnügen sich damit, eine Fassade der Seriosität für schändliche Gedanken zu geben.

Wir müssen gegen die Normalisierung des Hasses zusammenhalten.

Wir müssen jene zurückweisen, die nicht verstehen, dass Diversität als Quelle der Bereicherung und nicht als Bedrohung gesehen werden muss, wenn Gesellschaften multiethnisch, multireligiös und multikulturell werden.

Anfang des Monats trauerte die Welt um Aharon Appelfeld, einen Holocaust-Überlebenden und gefeierten Autor.

Als Appelfeld ein Junge war, wurden er und seine Familie von ihrem Zuhause herausgerissen und gezwungen, in ein Ghetto zu gehen. Er sagte folgendes über seine Erfahrung:

 "Ich bemerkte, dass alle Türen und Fenster unserer nicht-jüdischen Nachbarn plötzlich geschlossen waren und wir alleine durch die leeren Straßen gingen. Niemand von unseren vielen Nachbarn, mit denen wir Kontakt hatten, war am Fenster, als wir unsere Koffer schleppten."

Wir dürfen niemals Zuschauer sein, wenn Leben und Werte gefährdet sind. 

Ich schöpfe Hoffnung aus den starken Reaktionen gegen Bigotterie, die wir auf der ganzen Welt sehen.

Ich finde auch die Lehrer und Führenden von Gemeinschaften ermutigend, die die Botschaften der Solidarität und gegenseitigem Respekt den jungen Generationen näher bringen.

Das 'Holocaust and United Nations Outreach Programme', das in Dutzenden Ländern aktiv ist, wird weiterhin ein Signal der Erinnerung und Bildung sein.

Zeitweise scheint der Hass am Vormarsch zu sein.

Aber ich glaube fest daran, dass wir mit Geschlossenheit über Grenzen und Generationen hinweg eine Welt des Pluralismus und des friedlichen Nebeneinander schaffen können - und damit, endlich, zeigen können, dass wir die noch immer dringenden Lehren aus dem Holocaust beherzigen müssen.  

Vielen Dank.

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