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UNIS/NAR/1230
3. März 2015

Drei Viertel der Welt haben begrenzten oder keinen Zugang zu Schmerzmitteln, sagt INCB-Bericht

INCB-Jahresbericht 2014:

  • fordert den Zugang zu notwendigen Medikamenten zu gewährleisten, einschließlich in Krisen- und Konfliktsituationen;
  • verweist auf anhaltende Bedrohung durch neue psychoaktive Substanzen und
  • steigenden Konsum von Methylphenidat;
  • warnt vor Abweichungen von internationalen Drogenkontrollabkommen; und
  • fordert ausgewogenes Vorgehen bei Drogenkontrolle, verstärkte Bemühungen zur Verringerung der Nachfrage, Respekt vor Menschenrechten, und wiederholt Aufruf zur Abschaffung der Todesstrafe für drogenbezogene Straftaten.  

WIEN, 3. März (UNO-Informationsdienst) - Rund 5,5 Milliarden Menschen haben nur eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu Medikamenten mit Betäubungsmitteln wie Codein oder Morphium. Das bedeutet, 75 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu angemessenen Schmerztherapien, sagt der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) in seinem Jahresbericht 2014, der heute in London vorgestellt wird.  

Der Bericht unterstreicht die Diskrepanz und bemerkt, dass rund 92 Prozent des weltweit eingesetzten Morphiums nur von 17 Prozent der Weltbevölkerung konsumiert wird, hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, Kanada, Westeuropa, Australien und Neuseeland.

Die Diskrepanz bei der Verfügbarkeit von Suchtstoffen und psychotropen Substanzen für medizinische und wissenschaftliche Zwecke aufzuzeigen, ist eine der Verpflichtungen von Regierungen bei der Einhaltung der  internationalen Drogenkontrollabkommen.     

Um einen ausgewogenen und ganzheitlichen Ansatz beim Drogenproblem zu erreichen, sollten Regierungen auch gewährleisten, dass die Reduzierung der Nachfrage eine der höchsten Prioritäten in ihren Richtlinien zur Drogenkontrolle besitzt, während sie mehr Gewicht auf die Vorbeugung, Behandlung und Rehabilitation legen sollten und für Unterstützung und angemessene Mittel sorgen sollten.

In seinem Bericht bemerkt der INCB, dass Drogenkontrollmaßnahmen nicht in einem Vakuum existieren und dass bei der Umsetzung der Drogenkontrollabkommen Staaten ihren Verpflichtungen im Rahmen anderer Verträge, einschließlich der internationalen Menschenrechtsverpflichtungen, nachkommen müssen.  Während es den Staaten überlassen bleibt, über konkrete Sanktionen für drogenbezogene Straftaten zu entscheiden, fordert der INCB die Abschaffung der Todesstrafe in solchen Fällen.

Verfügbarkeit von Suchtstoffen in Krisen- und Konfliktsituationen

Wie der Bericht aufzeigt, können Naturkatastrophen und bewaffnete Konflikte rund um die Welt den Zugang zu wichtigen Medikamenten weiter einschränken. Der Rat erinnert Staaten, dass in Fällen von medizinischer Notversorgung einfache Kontrollmaßnahmen angewendet werden können. Das war 2013 auf den Philippinen der Fall nach der Verwüstung durch den Taifun Haiyan, als der Rat alle Staaten wie auch die Erbringer von humanitärer Hilfe auf die vereinfachten Abläufe beim Export, Transport und der Lieferung von Medikamenten mit Substanzen unter internationaler Kontrolle  hinwies.

Dem Bericht zufolge sollten Staaten auch wissen, dass unter humanitärem Völkerrecht Parteien in bewaffneten Konflikten den Zugang zu medizinischer Versorgung, einschließlich den Zugang zu wichtigen Medikamenten, für die Zivilbevölkerung in Gebieten unter ihrer Kontrolle erlauben müssen.

Neue psychoactive Substanzen: eine anhaltende Bedrohung

Die Zahl der neuen psychoaktiven Substanzen (NPS) stieg um 11 Prozent. 2014 wurden 388 einzelne Substanzen identifiziert, im Vergleich zu 348 im Jahr davor. Das Ausmaß des Konsums von NPS weltweit zeigt die Dynamik des Drogenproblems.

Konsum von Methylphenidat steigt

Der Bericht bemerkt auch einen Anstieg von rund 66 Prozent beim weltweiten Konsum von Methylphenidat, einem Stimulans, das hauptsächlich zur Therapie der Aufmerksamkeits-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt wird. Dies könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein: die steigende Anzahl von ADHS-Patienten;  eine Erweiterung der Altersgruppen von Patienten, die voraussichtlich eine Behandlung erhalten werden, und ein Mangel an ordnungsgemäßen Verschreibungsrichtlinien sowie starke und einflussreiche Vermarktungsmethoden. Allein in den Vereinigten Staaten wurde bei 11 Prozent der jungen Menschen zwischen 4 und 17 Jahren ADHS diagnostiziert. In Deutschland stieg die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent. Der Bericht vermerkt auch, dass solche Medikamente bei einer wachsenden Anzahl von Teenagern und jungen Erwachsenen missbraucht werden.

Cannabis-Gesetze in Uruguay und anderen US-Staaten

Uruguay ist der erste Staat, der Produktion, Vertrieb, Verkauf und Konsum von Cannabis und seinen Derivaten für Entspannungszwecke legalisiert hat. In den Vereinigten Staaten starteten Colorado und Washington den kommerziellen Verkauf und die Verteilung von Cannabis für nichtmedizinische Zwecke und die Wähler in Oregon und Alaska genehmigten eine Wählerinitiative für die Legalisierung der Kommerzialisierung von Cannabis für nichtmedizinische Zwecke.

Sowohl das Gesetz in Uruguay als auch die Rechtssprechung in einigen US-Bundesstaaten sind mit Artikel 4 des Einheits-Übereinkommens von 1961 über Suchtstoffe unvereinbar, der von Staaten verlangt, den Gebrauch von Suchtstoffen auf medizinische und wissenschaftliche Zwecke zu beschränken.

Regionale Trends

Die ständige Bedrohung von Frieden und Sicherheit in Teilen Afrikas hat den Anstieg des illegalen Drogenhandels angeheizt. Ostafrika wurde immer mehr zu einer Transitroute für Heroin, das für die Märkte in Südafrika und Westafrika bestimmt ist. Südafrika ist nach wie vor ein Drehkreuz für die weltweiten Transitrouten von Heroin und Kokain. Die Verbreitung von Cannabis-Missbrauch bleibt ein großes Problem für den Kontinent.

Mittelamerika und die Karibik werden nach wie vor von lokalen und internationalen organisierten kriminellen Gruppen as Transitrouten für illegale Drogen aus Südamerika genutzt, die für Nordamerika und Europa bestimmt sind. Kokainhandel bleibt die gewinnträchtigste Einkommensquelle für organisierte kriminelle Gruppen und es gibt auch eine steigende Tendenz für die zunehmende Produktion illegaler Drogen.

Die höchste drogenbezogene Sterberate weltweit wird aus Nordamerika gemeldet. In den Vereinigten Staaten übersteigt die Zahl der Todesfälle durch Überdosis, hauptsächlich durch verschreibungspflichtige Opioide, die Anzahl der Tötungsdelikte und Verkehrsunfälle mit Todesfolge. Insbesondere in den USA gibt es nach Jahren des Rückgangs wieder eine steigende Tendenz von Heroinmissbrauch. Cannabis bleibt die am meisten verfügbare, missbrauchte und gehandelte Droge in Nordamerika, während sich die Potenz von Cannabis in der Region ebenfalls stark erhöht hat. Regierungsstudien aus Kanada zeigen, dass der Cannabis-Missbrauch bei Jugendlichen im Alter von 11 - 18 Jahren weit verbreitet ist. Einer von fünf hat in den vergangenen 12 Monaten Cannabis konsumiert. 

In Südamerika wurde die Gesamtanbaufläche für den Kokabusch in Bolivien, Kolumbien und Peru zwischen 2007 und 2013 etwa ein Drittel reduziert. Besonders besorgniserregend in der Region ist der Konsum von rauchbarem Kokain. Der Cannabis-Konsum in Chile und Kolumbien nimmt ebenfalls zu. Kolumbien und Paraguay erscheinen dabei als wichtigste Quellenländer für Cannabiskraut, das grenzüberschreitend in Südamerika gehandelt wird.

Die Expansion illegaler Märkte für amphetaminähnliche Stimulanzien bleiben das größte Problem in Ost- und Südostasien. In Südasien gehören der Anstieg bei Herstellung, Handel und Missbrauch von Methamphetaminen sowie Abzweigung und Missbrauch von pharmazeutischen Präparaten, die Betäubungsmittel und psychotrope Substanzen enthalten, zu den größten drogenbezogenen Herausforderungen.

In Westasien sind eine kontinuierliche Zunahme bei Opiatmissbrauch und illegalem Schlafmohnanbau in Afghanistan ein großes Problem für die Region. Der Schlafmohnanbau stieg um 7 Prozent, während die Opiumproduktion im Land um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Auch beim Handel von afghanischem Heroin über Sri Lanka ist ein Anstieg zu verzeichnen. Die durchschnittlichen Beschlagnahmungen sind um das Zehnfache gestiegen, von 35 kg im Jahr 2012 auf 350 kg im Jahr 2013.

In Europa bleiben die Verfügbarkeit und der Missbrauch neuer psychoaktiver Substanzen ein großes Problem für das Gesundheitswesen, mit einem Rekordwert an neu identifizierten Substanzen. Ost- und Südosteuropa verzeichnen signifikant höhere Verbreitungsraten als der weltweite Durchschnitt sowohl bei injizierenden Drogenkonsumenten als auch bei injizierenden Konsumenten, die an HIV erkrankten. Die Todesrate bei Heroinmissbrauch nimmt ab, während die Todesrate durch synthetische Opioide ansteigt. Heroinbeschlagnahmen an der Balkanroute nahmen zu, Heroin wird nach wie vor in den Niederlanden und in geringerem Ausmaß in Belgien für illegale Märkte in Westeuropa umverteilt. 

Der illegale Anbau von Cannabis in West- und Mitteleuropa, in erster Linie für den inländischen Konsum, breitet sich weiter aus, wobei Cannabis auch weiterhin in diese Region gehandelt wird; dazu gehören auch der Transport von Cannabisharz aus Marokko und der Handel mit Cannabiskraut aus Albanien.

Die wachsenden Märkte für psychoaktive Substanzen und vergleichsweise hohen Raten von Drogenmissbrauch in Australien und Neuseeland sind besorgniserregend. Cannabis bleibt die meist missbrauchte Droge und wird hauptsächlich lokal produziert.

Bericht zu Vorläufersubstanzen

Der Rat unterstreicht in seinem Bericht zu Vorläufersubstanzen die Notwendigkeit, wie man die Kontrolle von Vorläufersubstanzen zukunftsfähig machen kann. Daher spricht sich der INCB für eine Feinabstimmung des Kontrollsystems aus und setzt dabei Schwerpunkte auf freiwillige Maßnahmen sowie die Kooperation mit einer Reihe von Geschäftszweigen auf allen Ebenen. Der Rat bemerkt auch einen Trend der Drogenhändler, die zunehmend auf der Suche nach spezielle Chemikalien sind, die nicht "über den Ladentisch" verkauft werden.

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Weitere Informationen finden Sie unter:

http://www.unis.unvienna.org/unis/en/events/2015/incb_2015.html

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