Presseaussendungen

UNIS/NAR/1044
17. Februar 2009

Hundert Jahre Drogenkontrolle

INCB-Jahresbericht: Kriminelle nutzen legalen Handel, um illegales Rauschgift herzustellen

INCB-Jahresberichts wirft Schlaglicht auf Bedrohungen durch das Internet und verschreibungspflichtige Medikamente, das Verhältnis von Sicherheit und Rauschgift in Afghanistan und die Entwicklung Westafrikas zum zentralen Umschlagplatz für Kokainhandel nach Europa

WIEN, 19. Februar (UNO-Informationsdienst) - In seinem heute veröffentlichten Jahresbericht warnt der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) vor neuen Kanälen zur Abzweigung von Ephedrin und Pseudoephedrin - Chemikalien, die zur Herstellung amphetaminähnlicher Stimulanzien (ATS) wie Methamphetamin, Amphetamin und MDMA (Ecstasy) verwendet werden. Der Rat erklärte, dass sich kriminelle Organisationen häufig hinter Scheinfirmen verstecken, um an Chemikalien zu gelangen, die sie zur Herstellung illegaler Drogen benötigen. Im Jahr 2008 importierten afrikanische Länder erhebliche Mengen an Substanzen, die Ephedrin und Pseudoephedrin enthalten und ihren jährlichen Bedarf für medizinische und wissenschaftliche Zwecke deutlich überstiegen. Zahlreiche verdächtige Sendungen, die nach Afrika gelangten, waren für Mexiko bestimmt, dessen Methamphetaminproduktion den großen Markt in den Vereinigten Staaten bedient, so der Bericht.

In Belize, El Salvador und Honduras ist die Nachfrage nach pseudoephedrinhaltigen Arzneimitteln gestiegen. In seinem Bericht ruft der INCB alle Staaten dringend dazu auf, den kommerziellen Handel mit Chemikalien genau zu überwachen, da Drogenhändler die Schlupflöcher im internationalen Handel nutzen, um das notwendige Rohmaterial für ihre Drogenlabore zu beschaffen.

Das internationale System zur Drogenkontrolle - eine der größten Leistungen des 20. Jahrhunderts

Die Erfolge und Herausforderungen des internationalen Systems zur Drogenkontrolle stehen im Mittelpunkt des ersten Kapitels des Berichts.

Das Kontrollsystem, das im Jahr 1909 auf der Schanghaier Konferenz von der Internationalen Opiumkommission begründet wurde, besteht heute aus drei Übereinkommen. Diese klassifizieren illegale Rauschgifte, stellen einen Mechanismus zur Drogenkontrolle und ein Mittel zur internationalen Zusammenarbeit und Koordination zwischen den zuständigen Behörden bereit.

"Dies kann als einer der wichtigsten Erfolge des 20. Jahrhunderts in der internationalen Zusammenarbeit angesehen werden, da sich mehr als 95 Prozent der UNO-Mitgliedstaaten mit 99 Prozent der Weltbevölkerung den drei Abkommen angeschlossen haben," sagte Prof. Ghodse.

Der Bericht hebt hervor, dass sich dem internationalen System zur Drogenkontrolle u.a. folgende Herausforderungen stellen: der nicht-existenten Zugang zu verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in über 150 Ländern, die inkonsequenten Anwendung von Bestimmungen zu Cannabis und "verbrecherische" Internetapotheken, die Drogenmissbrauch unter Risikogruppen, insbesondere bei Jugendlichen, fördern.

Der INCB-Bericht 2008 kommt zu dem Schluss, dass "das internationale Drogenkontrollsystem sich sehr bewährt hat. Aber es ist noch keineswegs perfekt. Zweifellos lässt es sich verbessern, und zu diesem Zweck gibt es Modifikationsverfahren."

Der INCB rät den Regierungen, verstärkt in die Drogenmissbrauchsprävention zu investieren sowie, die vernünftige Anwendung von schmerzstillenden Opioiden, wo der Verbrauch gering ist, zu fördern, um unnötiges Leiden von Millionen Patienten zu lindern. Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden jährlich mindestens 30 Millionen, möglicherweise bis zu 86 Millionen Patienten unter nicht behandelten mittleren bis starken Schmerzen. "Die Staaten sollten das Betäubungsmittel-Zugangsprogramm der WHO nutzen, um die Verfügbarkeit von Drogen für medizinische Zwecke zu verbessern", sagte Prof. Ghodse.

Westafrika entwickelt sich zum Hauptumschlagplatz für den Kokainschmuggel nach Europa

Kokainlieferungen für die illegalen Märkte in Europa werden zunehmend über Westafrika geschmuggelt. Die Entwicklung von Westafrika zum Transitgebiet für den Kokainhandel hat mehrere Gründe. Die geographische Lage Westafrikas macht es zu einem idealen Umschlagplatz für die Verladung von Kokainlieferungen aus Lateinamerika auf dem Weg zu den wachsenden Kokainmärkten Europas. Hinzu kommt, dass schwache staatliche Strukturen die Möglichkeiten des Kampfes gegen Drogenhandel und seine Folgen, wie Korruption und Drogenmissbrauch, begrenzen.

Der Rat befürchtet, dass der Drogenschmuggel politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen untergräbt und die Kontrolle von Regierungen über ihre Territorien und Institutionen schwächt. Mehrere Regierungen in Westafrika haben Maßnahmen ergriffen, um sich dieser Probleme anzunehmen. In Senegal, zum Beispiel, verabschiedete das Parlament ein neues Gesetz, das höhere Strafen für Drogenhandel vorsieht, und ähnliche Gesetzesentwürfe liegen dem Parlament in Nigeria vor. Ein Aufruf des Sicherheitsrats an die Regierung von Guinea-Bissau, das Problem des fortgesetzten Anstiegs des Drogenhandels in Westafrika in Angriff zu nehmen, der Frieden und Sicherheit in Guinea-Bissau und in der Subregion bedroht, führte dazu, dass die internationale Gemeinschaft Mittel zur Verfügung stellte, um die Drogenkontrolle in diesem Land zu unterstützen. Der INCB fordert die internationale Gemeinschaft auf, den westafrikanischen Ländern alle notwendige Unterstützung zur Bewältigung des Problems zu bieten.

Zusammenhang von Sicherheit und Drogenanbau in Afghanistan

Der INCB warnt, dass fehlende Schutzmaßnahmen die Bemühungen zur Bewältigung des Drogenproblems ernsthaft gefährden. Ungeachtet der schrumpfenden Anbauflächen von Schlafmohn in Afghanistan ist das Land noch immer die Quelle von mehr als 90 Prozent des illegalen Opiums weltweit. Trotz des geringen Fortschritts bei der Zerstörung der Anbauflächen sank der Schlafmohnanbau um 19 Prozent. Der INCB stellt fest, dass der Drogenhandel, ungeachtet der Verringerung der Gesamtanbaufläche, ein sich im ganzen Land ausbreitendes Übel ist und die Situation sich bezüglich des Drogenkonsums verschlimmert. Der Schmuggel von afghanischen Opiaten in großem Umfang führte zu einer Reihe von sozialen Problemen, unter anderem zu organisiertem Verbrechen, Korruption und Drogenmissbrauch.

Auch der lukrativer gewordene Cannabisanbau ist gewachsen. Der INCB fordert die afghanische Regierung nachdrücklich auf, sich in erster Linie der Beseitigung dieses alarmierenden Trends anzunehmen und den Bauern eine legale und nachhaltige Lebensweise zu ermöglichen. Der INCB verlangt die vollständige Umsetzung der Resolution 1817 des Sicherheitsrats, die an alle Mitgliedstaaten appelliert, insbesondere an jene, die chemische Vorläuferstoffe herstellen, sowie an die Nachbarländer Afghanistans und die an den Schmuggelrouten gelegenen Länder, etwaige Schlupflöcher zu beseitigen, die von kriminellen Organisationen zur Abzweigung von Vorläufersubstanzen aus dem internationalen Handel genutzt werden.

Regionale Schwerpunkte

Der Bericht weist auf die wichtigsten Entwicklungen beim Drogenmissbrauch und -handel auf der ganzen Welt, Region für Region, hin. Westafrika hat sich zu einem der weltgrößten Umschlagplätze für den Kokainschmuggel von Südamerika nach Europa entwickelt. Ostafrika ist die Haupttransitroute für den Schmuggel von Heroin von Südwestasien nach Afrika, bevorzugt über die großen Flughäfen von Addis Abeba und Nairobi.

Der Drogenmissbrauch in einigen Ländern Mittelamerikas und der Karibik nimmt zu. So hat sich zum Beispiel in der Dominikanischen Republik der Drogenmissbrauch erhöht, und auch die Verbrechensrate ist gestiegen. Die wachsende Gewalt innerhalb der Drogenkartelle und zwischen Drogenhändlern und Vollstreckungsbeamten ist ein großes Problem in Nordamerika. Die mexikanische Regierung sieht sich aufgrund ihrer Versuche zur Bekämpfung von organisiertem Verbrechen und zur Drogenkontrolle mit heftigem Widerstand von Seiten der Drogenkartelle konfrontiert. In den letzten Jahren berichteten die meisten südamerikanischen Länder von einem zunehmenden Kokainmissbrauch, der vermutlich als eine Folge des Drogenhandels in der Region zu betrachten ist.

China, Malaysia und Vietnam berichteten von einem signifikanten Anstieg im Missbrauch amphetaminähnlicher Stimulanzien. Es wird befürchtet, dass die breite Verfügbarkeit dieser Substanzen zu einem wachsenden Missbrauch in Südasien führen könnte. Neue Drogenhandelsrouten, auch für Heroin aus Ländern außerhalb Westasiens, scheinen sich auf der arabischen Halbinsel zu öffnen.

Der Opiatmissbrauch stieg in der Russischen Föderation und in anderen osteuropäischen Ländern sowie in Ländern Südosteuropas entlang der Balkanroute. Weiterhin scheint sich der Heroinmissbrauch unter jungen Drogenkonsumenten in Westeuropa auszubreiten.

Unlängst wurde ein Ansteigen des Drogenhandels von Kanada nach Australien beobachtet. Methamphetamin für Neuseeland kommt weiterhin hauptsächlich aus China, doch in letzter Zeit ist der Handel mit kanadischem Methamphetamin gestiegen.

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