Presseaussendungen

  WSSD/01
13. August 2002

 Kurz vor dem Weltgipfel warnt ein neuer Bericht der Vereinten Nationen davor, dass gegenwärtige Entwicklungs-Modelle die langfristige Sicherheit der Erde und ihrer Bevölkerung gefährden

Die Vereinten Nationen rufen Regierungschefs auf, sich beim bevorstehenden Johannesburg-Gipfel zur Nachhaltigen Zukunft zu verpflichten

NEW YORK, 13. August -- Ein heute veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen betont den beunruhigenden Einfluß derzeitiger Entwicklungsmuster auf den weltweiten Lebensstandard und die natürlichen Ressourcen der Erde. Der nun kurz vor dem Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung veröffentlichte Bericht "Globale Herausforderung, Globale Chance" betont den Bedarf nach größerer Unterstützung für nachhaltige Entwicklung, um die globalen Ressourcen besser handhaben zu können.

Der Bericht erscheint zu einer Zeit, in der sich über 100 Regierungschefs auf die Teilnahme am Gipfel vorbereiten, welcher vom 26. August bis 4. September 2002 stattfinden wird. Dort soll ein neuer, weltweiter Durchführungsplan zur Beschleunigung nachhaltiger Entwicklung fertiggestellt werden. Außerdem wird eine Vielzahl von innovativen Partnerschaften zur Förderung von Nachhaltigkeit vorgestellt.

"Globale Herausforderung, Globale Chance beschreibt die Wahl, vor der wir stehen," sagte Nitin Desai, Generalsekretär des Gipfels bei der Abteilung für Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen, wo der Bericht veröffentlicht wurde. "Wenn wir nichts unternehmen, um unsere momentanen, unüberlegten Entwicklungsmodelle zu ändern, setzen wir die langfristige Sicherheit der Erde und ihrer Bewohner aufs Spiel. In Johannesburg haben wir die Möglichkeit, eine sichere Zukunft zu schaffen, indem wir eine nachhaltigere Form der Entwicklung einbeziehen, welche einerseits das Leben heute verbessert und andererseits eine bessere Welt für unsere Kinder und Enkel schaffen kann."

Der Bericht prüfte mehrere Sachfragen, welche von UNO Generalsekretär Kofi Annan als grundlegend für die Verhandlungen am Gipfel identifiziert wurden. Darunter fallen Wasser und Hygiene, Energie, landwirtschaftliche Produktivität, Biodiversität und menschliche Gesundheit. In einer ernüchternden Beurteilung momentaner Entwicklungen in diesen Gebieten stellt der Bericht fest, dass:

  • Gegenwärtig 40 Prozent der Weltbevölkerung von Wassermangel betroffen ist
  • Der Meeresspiegel aufgrund der globalen Erwärmung weltweit ansteigt
  • Viele Pflanzen- und Tierarten Gefahr laufen ausgerottet zu werden (speziell betroffen ist die Hälfte der großen Primatenarten, also die dem Menschen am nächsten verwandten Tierart)
  • 2,4 Prozent der weltweiten Wälder in den 90er Jahren zerstört wurden
  • Jährlich mehr als 3 Millionen Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung sterben

Ermutigenderweise beschreibt der Bericht aber auch die Entstehung von immer mehr nachhaltigen Entwicklungspraktiken in kleinem Umfang, welche auch immer öfter nachgeahmt werden, um Problembereiche wie den Schutz der Ökosysteme, Luftverschmutzung in den Städten und Kindersterblichkeit aufgrund von verschmutztem Trinkwasser zu bekämpfen. Diese Erfolge sind allerdings gefährdet, so einige Vertreter des Gipfels, wenn nicht dringend mehr Tätigkeiten gesetzt werden, um den beunruhigenden Entwicklungen, welche im Bericht genannt werden, entgegenzuwirken.

Handlungsbedarf in den Bereichen Wasser, Energie, Landwirtschaft, Biodiversität und Gesundheit

Globale Herausforderung, Globale Chance fasst die zuverlässigsten Daten bezüglich des weltweiten Gebrauchs natürlicher Ressourcen in der heutigen Zeit zusammen:

Wasser und Hygiene - Trotz einiger Verbesserungen auf diesem Gebiet, fehlt nach wie vor einer Milliarde Menschen der sichere Zugang zu Trinkwasser. Zudem wird vorhergesagt, dass bis 2025 die Hälfte der Erdbevölkerung -- 3,5 Milliarden Menschen -- von ernsthaftem Wassermangel bedroht sein wird. Dies betrifft insbesondere Nordafrika und Westasien, wo die Grundwasservorräte schneller verbraucht werden, als sie sich erneuern können.

Energie - Der Verbrauch fossiler Energieträger und die Kohlenstoffemissionen sind seit den 90er Jahren besonders in Asien und Nordamerika weiter angestiegen. Anzeichen für einen Klimawechsel aufgrund von globaler Erwärmung werden auch immer offensichtlicher. Zum Beispiel sind Dürreperioden in ihrer Häufigkeit und Intensität besonders in Teilen Asiens und Afrikas verstärkt wahrzunehmen. Dies ist besonders im Falle des Gastgeberlandes Südafrika festzustellen, wo derzeit, wie auch in einigen Nachbarländern, eine schwere Dürreperiode herrscht.

Landwirtschaftliche Produktivität - Durch das Ansteigen der Weltbevölkerung steigt auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, während die Kapazitäten für die Nahrungsmittelproduktion besonders in Entwicklungsländern abnehmen. Diese Entwicklung bedeutet eine langfristige Bedrohung für die Sicherheit der Versorgung, besonders in Gebieten wo sich die Bodenqualität aufgrund exzessiven Anbaus und aufgrund von Wüstenbildung zusehends verschlechtert hat. Es gibt besonders in Südostasien und Europa wenig Spielraum für eine Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, während in Nordafrika und Westasien der Wassermangel die Möglichkeiten landwirtschaftlicher Entwicklung eingrenzt.

Biodiversität und Ökosysteme - Geschätzte 90 Millionen Hektar Wald -- eine Fläche größer als Venezuela -- wurde in den 90er Jahren zerstört. Die Abholzung in einem derartigen Ausmaß stellt eine enorme Bedrohung für die Biodiversität dar, da Wälder als Heimat für zwei Drittel aller an Land lebenden Tierarten dienen. Zusätzlich sind 9 Prozent aller Baumarten in Gefahr, wodurch auch der mögliche medizinische Nutzen an botanischen Quellen abnimmt.

Gesundheit - Ein bezeichnender Anteil der Sterblichkeit in den am wenigsten entwickelten Ländern wird von umweltbedingten Krankheiten verursacht. Obwohl einige Fortschritte in diesem Bereich zu verzeichnen sind, tötet verseuchtes Wasser jährlich 2,2 Millionen Menschen. Außerdem steigt die Anzahl der Malariaerkrankungen aufgrund von gesunkener Leistungsfähigkeit der erhältlichen Medikamente. Zudem wurde die Verbreitung der Krankheit durch Entwicklungsfaktoren -- wie Bewässerungsanlagen und Abholzung -- unterstützt, da so das Brüten der Stechmücken begünstigt wurde.

"Es gibt eindeutige Beweise dafür, dass Ziele menschlicher Entwicklung und des Umweltschutzes voneinander abhängig sind", so Nitin Desai. Regierungen, Firmen und die Zivilgesellschaft müssen nach Johannesburg mit der Verpflichtung kommen, das Leben der Menschen auf nachhaltige Art und Weise zu verbessern. Beim Gipfel selbst werden einige große Partnerschaftsinititativen gestartet -- trotzdem muss eine noch viel größere Zahl derartiger Programme ins Leben gerufen werden, um den schädlichen Entwicklungsmustern, die in diesem Bericht betont wurden, entgegenzuwirken." Desai stellte die innovative WASH (Water, Sanitation and Hygiene for All)-Initiative als ein vorbildliches Beispiel für innovative Partnerschaften vor. WASH involviert 28 Regierungen, Entwicklungsbanken, Behörden der Vereinten Nationen, nichtstaatliche Organisationen und große Firmen, welche bis 2015 in einem weltweiten Unterfangen 1,1 Milliarden Menschen mit Wasser und Hygienevorrichtungen versorgen wollen.

Nahrungsmittelproduktion führt zur weltweiten Erschöpfung der natürlichen Ressourcen

Globale Herausforderung, Globale Chance veranschaulicht den grundlegenden Einfluss des menschlichen Bedürfnisses nach Nahrung auf die natürlichen Ressourcen der Erde. In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Nahrungsmitteln mit dem Anstieg der Weltbevölkerung, aber auch mit dem pro-Kopf-Konsum an Nahrungsmitteln gewachsen: In Entwicklungsländern stieg der Kalorienverbrauch von 2.100 auf 2.700, in den Industrieländern von 3.000 auf 3.400.

Der Bericht bestätigt den Anstieg des weltweiten Wasserverbrauchs auf das Sechsfache im letzten Jahrhundert, eine gegenüber dem Bevölkerungswachstum doppelt so hohe Steigerung. 70 Prozent der konsumierten Wassermengen werden heute von der Landwirtschaft aufgebraucht: Die größte Verschwendung an Trinkwasser wird durch leistungsschwache Bewässerungssysteme verursacht, die bis zu 60 Prozent der transportierten Wassermenge verlieren. Die Ausdehnung landwirtschaftlich genutzter Flächen ist die Hauptursache für die weltweite Abholzung und gleichzeitig die schlimmste Bedrohung für die Biodiversität und die Ökosysteme der Erde. Obwohl die Fischereizonen der Ozeane völlig genützt oder überfischt sind, steigt die Fischzucht schnell an, um die steigende Nachfrage nach Fisch zu decken. Laut Bericht hat ein noch stärkeres Wachstum aber schwerwiegende Folgen für die Umwelt.

"Eine der wichtigsten Prioritäten des Gipfels ist der Bedarf nach Einigung über Strategien und Programme, welche die landwirtschaftlichen Erträge verbessern, um den langfristigen Nahrungsmittelbedarf decken zu können," so Desai. "Ebenso wichtig ist das Ziel der Erweiterung nachhaltiger landwirtschaftlicher Verfahren, insbesondere die Einführung leistungsfähiger Bewässerungssysteme. In Johannesburg wird auch eine neue Initiative von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) vorgestellt, welche zum Ziel hat -- gemeinsam mit mehreren Regierungen, sowie nichtstaatliche Organisationen -- zu den erwähnten Fortschritten in der Nahrungsmittelproduktion anzuregen."

Teile der Welt im Entwicklungsrückstand

Zusätzlich zum verbesserten Zugang zu und dem Gebrauch von natürlichen Ressourcen, soll am Gipfel -- aufbauend auf jüngste Bemühungen -- dem UNO Millenium Entwicklungsziel näher gekommen werden, welches von der Halbierung des Anteils der in Armut lebenden Menschen bis 2015 spricht. Der Gipfel stellt den Höhepunkt einer zwölfmonatigen Entwicklung dar, in der es zunächst im November in Doha, Quatar, bei den Gesprächen der Welthandelsorganisation zu einer Einigung über die Notwendigkeit von Handelsreformen gekommen ist und anschließend auf der Finanzierungskonferenz der Vereinten Nationen in Monterrey, Mexiko, im März der große Anstieg der Entwicklungshilfe von den USA und Europa verkündet wurde.

Globale Herausforderung, Globale Chance bestätigt einen gewissen Fortschritt in der Armutsbekämpfung während der 90er Jahre, da die Anzahl der Menschen, die von bis zu einem US-Dollar pro Tag lebt, von 1,3 auf 1,2 Milliarden zurückgegangen ist. Diese Verbesserung konzentrierte sich hauptsächlich auf Ostasien und Lateinamerika, jene Regionen, die auch einen Rückgang der an chronischem Hunger leidenden Menschen zu verzeichnen haben. Trotzdem wird festgestellt, dass viele Regionen der Erde eine derart positive Entwicklung noch nicht wahrnehmen können. Afrika erfährt derzeit den höchsten Grad an Sterblichkeit, Armut und Hunger, sowie -- verglichen mit den Industrieländern -- die größte Kluft bei den Lebensstandards. Das Problem Afrikas reicht aber über den Lebensstandard hinaus bis zu den natürlichen Ressourcen des Kontinents: die Abholzungsrate ist in Afrika am höchsten, wo in den 90er Jahren alarmierende 7 Prozent der Wälder zerstört wurden.

"Johannesburg versucht auf den Fortschritten von Doha und Monterrey aufzubauen, indem eine Übereinstimmung darüber getroffen wird, wie die erhöhten Entwicklungsförderungen der internationalen Gemeinschaft nun tatsächlich angewandt werden sollen", so Desai. "Weltweite Lebensstandards können für jetzt und für die Zukunft nur verbessert werden, wenn die Ressourcen auf einer tatsächlich nachhaltigen Basis verteilt werden."

Die ersten Zeichen einer nachhaltigen Zukunft

Mitten unter den besorgniserregenden Entwicklungen, findet der Bericht Beweise für aufkommende Nachhaltigkeit in strategisch wichtigen Bereichen auf der ganzen Welt. Zwei Prozent der weltweiten Wälder sind bis heute für nachhaltige Abholzung zertifiziert worden. Naturschutzgebiete, Parks und Reservate nehmen zu und betragen schon jetzt 5 Prozent der Fläche Europas und 11 Prozent der Fläche Nordamerikas, um damit als Grundlage für die weltweit schnell wachsende Industrie des Okotourismus zu dienen.

Bezüglich der Energie sagt der Bericht, dass der Anteil erneuerbarer Energiequellen am weltweiten Energieangebot von 3,2 Prozent (1971) auf heute 4,5 Prozent angestiegen ist. Zudem ist die Luftverschmutzung in den Städten der einkommensstarken Länder mit zunehmendem Lebensstandard immer mehr unter Kontrolle gebracht worden. Erhebliche Abgasminderungen konnten für Tokio, Mexiko City, Singapur und Seoul in der Periode von 1970 bis 1990 festgestellt werden. Auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen verbesserte sich schrittweise in den 90er Jahren und das Ziel einer 50-prozentigen Verringerung der Kindersterblichkeit verursacht durch Durchfallerkrankungen -- gesetzt beim Weltgipfel für Kinder 1990 -- wurde erreicht, wobei die Anzahl der gestorbenen Kinder von 3,3 Millionen im Jahr 1990 auf 1,7 Millionen 1999 zurückgegangen ist.

"Die erfolgreiche Verringerung der Kindersterblichkeit verursacht durch Durchfallerkrankungen und die Erhöhung der Mittel für Entwicklung in noch nie dagewesenem Ausmaß, die in Monterrey dieses Jahr beschlossen wurde, zeigt was Gipfeltreffen der Vereinten Nationen erreichen können", so Desai. "Nachhaltige Entwicklung beginnt sich in einigen Teilen der Welt zu etablieren, sie muss aber weiterhin forciert werden, wenn wir eine Zukunft schaffen wollen, die frei von Armut und Instabilität ist, was bei gleichbleibendem Management der natürlichen Ressourcen sicher nicht eintreten würde. Regierungschefs müssen in Johannesburg bereit sein, einen neuen Ansatz für globale Entwicklung anzunehmen und -- noch wichtiger -- dieses Ziel mit konkreten Verpflichtungen unterstützen."

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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Informationsdienst der Vereinten Nationen (UNIS),
Tel. (43-1) 26060-4666 und -4677
Email: unis@unvienna.org

Bis zum 16. August 2002:

Klomjit Chandrapanya, Tel. (212) 963-9495
Pragati Pascale, Tel. (212) 963-6870;
Gavin Hart oder Meredith Mishel, Tel. (212) 584-5031

Nach dem 16. August:

In New York, (212) 584-5031; Email: mediainfo@un.org
Homepage: www.johannesburgsummit.org

Bitte entnehmen Sie der Homepage die Kontakte für Johannesburg.

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Veröffentlicht von der Abteilung für Öffentliche Information der Vereinten Nationen

JOHANNESBURG-GIPFEL 2002
Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung
Johannesburg, Südafrika
26. August - 4. September 2002